Der Ernst des Lebens – auf witzig.
Osman Citir: Vom Einzelhandelskaufmann zum Comedian
25. November 2015

Osman Citir vermittelt den Abschlussklässlern von Haupt- und Realschulen wie wichtig es ist, sich in der Schule anzustrengen und eine gute Ausbildung zu machen… genau wie viele Eltern eben. Doch Osman hat eine Geheimwaffe, um das Publikum mit sich zu reißen: Seinen Humor! Erst diese Woche stand er mit seinem Programm „Comedy macht Schule“ in Heidenheim, Aalen und Schwäbisch Gmünd auf der Bühne. Der türkischstämmige Comedian hat selbst die Hauptschule besucht, sich zur mittleren Reife durchgekämpft und dann eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann absolviert. Auf diesem Fundament konnte er seinen Traum Comedian zu werden verwirklichen. Wie genau er das gemacht hat, erklärt er uns im Interview.

Den Schülern den Ernst des Lebens erklären - und das mit viel Humor. Das macht Osman Citirs Projekt "Comedy macht Schule" aus.

Den Schülern den Ernst des Lebens erklären – und das mit viel Humor. Das macht Osman Citirs Projekt “Comedy macht Schule” aus.


Du bist heute von Beruf „Comedian“. Das führt die IHK ja ausnahmsweise nicht als Ausbildungsberuf. Du hast aber auch mal eine klassische Berufsausbildung gemacht?

Osman: Genau. Ich bin gelernter Einzelhandelskaufmann. Ich habe damals in einem Möbelhaus als Verkäufer gelernt. Eigentlich war das auch schon eine Bühne. Du stehst vor Kunden, musst sie jedes Mal begeistern, sie beraten. Du musst Sympathien gewinnen. Den Kunden ist nicht nur das Produkt wichtig, sondern auch der Verkäufer. Das heißt, ich hab da meine Plattform gehabt.

Eines Tages 2008, da war ich schon seit vier Jahren mit der Ausbildung fertig, gab es eine große Betriebsfeier. Ein Kollege fragte mich, ob ich nicht auf die Bühne kommen möchte und ein bisschen Comedy machen will. Ich sagte aus Spaß zu, dachte mir aber nichts Großartiges dabei. Ich stand also vor insgesamt bestimmt 150 Zuschauern, hatte kein Programm und hatte mich nicht vorbereitet. Ich stand da und hab einfach die Kollegen angeschaut. Plötzlich ist mir zu einem ein Witz eingefallen. So ging’s weiter: Zum einen Kollegen hab ich das erlebt und zum Chef hab ich dies erlebt. Am Ende stand ich über eine Stunde auf der Bühne und die Leute haben sich kaputt gelacht.


… und jeder mochte dich danach bestimmt ganz besonders.

Osman: Der Chef hatte einen roten Kopf, weil er so sauer war – Quatsch, der fand das natürlich auch total witzig! Das war also so ein Schlüsselerlebnis. Da habe ich gemerkt: Wow, das macht mir richtig Spaß. Der Chef kam danach auf mich zu und meinte: „Sie haben echt Talent. Machen Sie was in die Richtung!“


»Keiner weiß, was er in zehn bis 15 Jahren machen möchte. Doch wenn der Tag X kommt, kann man sagen: „Ich werde jetzt meinen Traum verwirklichen. Aber die Ausbildung habe ich in der Tasche.«

Das hat Dich natürlich bestärkt; aber deinen Job hast du bestimmt nicht sofort gekündigt?

Osman: Stimmt, ich bin dann nicht gleich den Weg des Comedian gegangen. Ich habe zuerst die Firma gewechselt, weil ich ein gutes Angebot bekommen hatte. Dort war ich als Groß- und Außenhandelskaufmann eingestellt. Aber dieses Comedy-Ding ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Die Firma hat das irgendwann mitbekommen. Sie stellten mir ein Ultimatum und sagten: „Hör zu, wir brauchen hier keinen Comedian, wir brauchen hier einen Verkäufer. Also entscheide Dich: Möchtest du Comedy machen, kein Problem, dann schauen wir, dass wir dich so schnell wie möglich aus der Firma rausbekommen. Wenn du dich für die Firma entscheidest, wollen wir nie wieder etwas über Comedy hören.“

Ich bin nach Hause gegangen und wusste nicht, was ich machen will. Meine damalige Freundin fragte mich, was mein Traum sei, mein Wunsch, mein Ziel. Ich erzählte, mein Traum ist es, Comedy zu machen, mein Wunsch ist es, auf der Bühne zu stehen und mein Ziel ist, irgendwann davon zu leben. Sie sagte: „Dann scheiß auf die Firma und lebe deinen Traum. Deine Ausbildung kann dir keiner mehr wegnehmen.“ Sie hatte Recht damit. Ich setzte alles auf eine Karte. Das einzige, was ich mit Sicherheit hatte, war meine abgeschlossene Ausbildung. Das ist auch meine Kernbotschaft an die Jugendlichen. Keiner weiß, was er in zehn bis 15 Jahren machen möchte. Wichtig ist, früh in seine Zeit richtig zu investieren, wie in eine Lehre. Wenn der Tag X kommt, kann man sagen: „Ich werde jetzt meinen Traum verwirklichen. Aber die Ausbildung habe ich in der Tasche.“


Deine Show heißt ja „Comedy macht Schule“. Wie bist Du eigentlich darauf gekommen, an Schulen zu gehen und aus der Stand-Up-Comedy eine Motivationsshow zu machen?

Osman: Bei einer Show vor 450 Zuschauern im Bensheimer Parktheater habe ich auf der Bühne beiläufig erwähnt, dass ich ein ehemaliger Schüler der Karl-Kübler-Schule bin, die auch in Bensheim ist. Dadurch ist meine ehemalige Schule auf mich aufmerksam geworden. Der Leiter hat mich kontaktiert und gefragt, ob ich mir nicht vorstellen könnte, über meinen Werdegang zu erzählen. Ich habe spontan zugesagt. Einen Tag davor habe ich erfahren, dass es etwas Größeres sein wird. Ich ging ja erst davon aus, das ist halt ein Klassenraum mit zehn bis 20 Schülern, eine gemütliche Fragerunde. Die Schulleitung hat aber einen Kinosaal gemietet, der Platz für 300 Schüler hatte.

Spätestens dann habe ich mich gefragt: Was soll ich denen denn bitte erzählen? Wenn ich jetzt Comedy mache, dann werden sie lachen, aber die Lehrer werden sagen, das war jetzt lustig, aber was hat das mit Schule zu tun? Hätte ich nur ernste Themen angesprochen, hätten sie gesagt, der Typ ist eigentlich Comedian und da war nichts Witziges dabei. Ich musste also den Spagat schaffen. Es hat geklappt: Ich stand rund 90 Minuten auf der Bühne. Alle waren begeistert, haben mich bestärkt und gesagt: „Osman, es gibt noch mehr Schulen, die gleiche Probleme haben wie wir. Mach’ doch was in die Richtung.“ Das war die Geburtsstunde von „Comedy macht Schule“.


»Meine drei Tipps an die Jugendlichen: Halte dir ein Ziel vor Augen! Vergeude nicht deine kostbare Zeit! Und: Mach Praktika!«


Wie denkst du über die Probleme vieler Jugendlichen, sich für einen Beruf zu entscheiden?

Osman: Ja, das ist schwierig für die Jugendlichen. Der Markt ist so groß, es gibt zig Berufe. Die Ansprüche sind auch extrem hoch bei den Jugendlichen. Wenn man sie fragt, was sie werden wollen, kommt als Antwort: Fußballer oder Fernsehmoderator. Wenn man sie fragt, ob sie sich vorstellen könnten, Bürokaufmann zu lernen, stellen sie sich eben etwas Langweiliges vor. Das Schlimme ist, dass viele Eltern den Jugendlichen vorbeten: „Mach’ lieber weiter Schule, dann öffnen sich alle Türen.“ Dadurch ist man schnell so überfordert, weil man gar nicht mehr weiß, welcher Weg denn richtig ist und entscheidet sich für die Komfortzone – zuhause bleiben, mal etwas studieren. Wenn dann viel später ein Studium abgebrochen wird, hat man nichts in der Hand. Dann fängt man auch keine Ausbildung mehr an, weil man ja zu alt dafür ist, gerade mal 500 oder 600 Euro zu verdienen. Dann nimmt man irgendwelche Berufe an, die eigentlich gar nicht dem entsprechen, was man machen wollte.


Was rätst Du den jungen Menschen, die nach der Schule vor der Entscheidung stehen, wie es denn weitergehen soll?

Osman: Mein Tipp an die Jugendlichen ist erst einmal, sich ein Ziel vor Augen zu halten. Wenn jemand Abitur machen möchte und dann Studieren, ist das gut und schön. Aber man muss sich die Frage stellen: Wohin möchte ich denn? Hat jemand eine klare Vorstellung, möchte beispielsweise Architekt werden, wofür man nun mal ein Studium braucht, dann soll er das auch tun.

Wenn er aber nur Zeit absitzen möchte, rate ich ihm: Mach’ das bloß nicht, vergeude nicht deine kostbare Zeit! Mach lieber eine Ausbildung, durch die wirst du reifen und findest raus, wo deine Talente und Stärken liegen. Während deiner Ausbildung lernst du neue Menschen kennen, die dich inspirieren. Und wenn du dann nach deiner Ausbildung sagst, jetzt will ich doch noch studieren gehen: Dann hast Du nicht nur theoretisch etwas geschafft, sondern auch praktisch – das sehen die Firmen und nehmen Dich mit Handkuss.

Ein weiterer Tipp: Mach Praktika! Ganz viele. Dadurch merkst du, was du kannst. Nimm’ mich als Beispiel: Ich habe damals ein Praktikum als Heizungsmonteur gemacht und dabei festgestellt, dass ich zwei linke Hände habe. Dann war ich beim Obi und habe ein Praktikum als Einzelhandelskaufmann gemacht. Es hat mir keinen Spaß gemacht – nur Regale einräumen war nicht mein Ding. Nachdem ich aber ein Praktikum beim Media Markt gemacht hatte, wusste ich: Verkäufer, das ist genau mein Ding. Dadurch hat sich mein Ziel gefestigt. Deshalb: Mach’ so viele Praktika wie möglich.


Findet man also erst dann den perfekten Beruf für sich, wenn man selbst Gas gibt?

Osman: Eigeninitiative ist wichtig! Ich habe mich damals auf der Hauptschule noch so halbherzig als Heizungsmonteur und weitere Stellen beworben, weil meine Mutter es unbedingt wollte. Dann kamen Absagen und ich war froh drüber. Als ich den Beruf Verkäufer erlernen wollte, habe ich bei der Firma, die mir eigentlich abgesagt hatte, ein Praktikum gemacht und habe dadurch dann doch einen Ausbildungsplatz bekommen. Das war einfach ein starker Wille.


Comedian Osman Citir möchte den Abschlussklässlern mitgeben, dass wenn man etwas wirklich will – seinen Notendurchschnitt verbessern, eine weiterführende Schule besuchen, einen bestimmten Beruf erlernen – man es auch schafft. Besonders, wenn andere an dir zweifeln. Glaub an dich selbst und sage dir: „Jetzt erst recht“.

Comedian Osman Citir möchte den Abschlussklässlern mitgeben, dass wenn man etwas wirklich will – seinen Notendurchschnitt verbessern, eine weiterführende Schule besuchen, einen bestimmten Beruf erlernen – man es auch schafft. Besonders, wenn andere an dir zweifeln. Glaub an dich selbst und sage dir: „Jetzt erst recht“.



Fotos: Peter Kruppa. Das Interview führte Till Eckert.

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